Rudolf May: Entdeckung im Entlegenen

Veröffentlicht am 12. Juni 2016 in der Rubrik »Degustation«

Vor einigen Wochen habe ich im Wertheimer Restaurant »Stadtpalais« zum Essen unter anderem einen hervorragenden Spätburgunder getrunken, von einem Weingut, das mir bis dato nicht wirklich ein Begriff war. Ich wusste nur, dass Rudolf May zu den fränkischen VDP-Winzern gehört, nicht aber, wo genau sich das Weingut befindet. Der Zufall, die Vorsehung, oder wie auch immer es genannt werden mag, wollte, dass ich am nächsten Tag auf meiner Reise Würzburg ansteuerte und Zeit für einen Abstecher hatte.

Das entlegene Retzstadt liegt in einem idyllischen Seitental des Mains, nördöstlich von Thüngersheim. Auf der Anfahrt via Retzbach, wo das gleichnamige Flüsschen in den Main mündet, in Richtung Retzstadt gelangt man durch eine von Wälder und Wiesen geprägte Landschaft. Kurz vor Retzstadt dann wieder die ersten größeren zusammenhängenden Rebflächen. Der noch zu Retzbach gehörende Benediktusberg und schließlich die Ortslage von Retzstadt, der Langenberg. Lagen, die von reinstem Muschelkalk geprägt sind. Kein Wunder, dass sich auf diesem Boden neben dem Silvaner auch der Spätburgunder wohl fühlt.

Rudolf May interpretiert den Silvaner eher modern, lässt ihm aber genügend Freiraum für Eigenständigkeit. Bereits der Silvaner-Ortswein erreicht hier ein beeindruckendes Niveau. Das inzwischen leicht gereifte 2013er Große Gewächs aus dem Thüngersheimer Johannisberg – »Rothlauf« deutet auf eine Verfärbung des Muschelkalkbodens durch Buntsandsteineinflüsse hin – und der 2013er »Recis ’63« (im Namen die Anspielung auf eine frühere Schreibweise von Retzstadt und auf das Pflanzjahr der Reben) spielen klar in der Grand-Cru-Liga. 2015 ist Rudolf May zurecht auch sehr stolz auf seine Rieslinge, von denen der aus dem Langenberg nur knapp die gesetzliche Grenze zum trockenen Wein verfehlt hat – was ihm aber keinen Abbruch tut, sondern ihn zu einem ernsthaften Kandidaten für ein langes Kellerlager macht.

Auf unerwartete Höhen schwingt sich der deutlich ans Burgund erinnernde 2013er »Recis«-Spätburgunder aus dem Benediktusberg auf. Feiner und eleganter geht es nimmer. Hier zeigt sich ein Händchen für die Sorte. Das Reifepotenzial seiner Spätburgunder unterstreicht May mit einem perfekt gereiften Vorläufer des »Recis« aus dem Jahrgang 2007.

Die Weine im Überblick:
2015er Retzstadter Silvaner trocken | A.P.Nr. 2152 7 16 | 88
2015er Retzstadter Riesling trocken | A.P.Nr. 2152 8 16 | 88
2015er Retzstadter Rieslaner Spätlese | A.P.Nr. 2152 6 16 | 89
2015er Retzstadter Langenberg Silvaner trocken | A.P.Nr. 2152 12 16 | 91
2014er Retzstadter Langenberg »Der Schäfer« Silvaner trocken | A.P.Nr. 2152 20 15 | 92
2015er Retzbacher Benediktusberg Grauburgunder trocken | A.P.Nr. 2152 11 16 | 84
2015er Retzstadter Langenberg Weißburgunder trocken | A.P.Nr. 2152 11 16 | 87
2015er Retzstadter Langenberg Riesling | A.P.Nr. 2152 13 16 | 91
2014er Retzstadter Langenberg Spätburgunder trocken | A.P.Nr. 2152 28 15 | 88
2013er Retzbacher Benediktusberg Spätburgunder trocken »Recis« | A.P.Nr. 2152 28 15 | 97
2007er Retzbacher Benediktusberg Spätburgunder trocken »Recis« | A.P.Nr. 2152 17 09 | 95
2013er Retzstadter Langenberg Sylvaner trocken »Recis ’63« | A.P.Nr. 2152 20 14 | 94
2013er Thüngersheimer Johannisberg »Rothlauf« Silvaner Großes Gewächs VDP | A.P.Nr. 2152 16 14 | 94
2015er Retzstadter Langenberg Silvaner Auslese | A.P.Nr. 2152 16 16 | 90
2015er Retzstadter Langenberg Rieslaner Trockenbeerenauslese | A.P.Nr. 2152 15 16 | 94

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