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Trockenmauer mit Eidechse

Trockenmauer mit Eidechse · Bild: Werner Elflein

Naturals erobern die Weinwelt

Anfangs noch kritisch beäugt, haben Naturweine inzwischen längst einen festen Platz als eigenständige Weinkategorie eingenommen. Ein Kommentar von Werner Elflein.

Als Naturwein (Natural wine, Artisan wine, Naked wine, Vin vivant, Naturreiner Wein) werden häufig Weine bezeichnet, die möglichst ohne Zusätze und ohne aufwändige önologische Verfahren produziert wurden. Dafür ist bereits die Bewirtschaftung im Weinberg Grundlage. Daher wird oft der ökologische Weinbau als Voraussetzung für Naturwein gesehen. […]

Die Herstellung dieser Weine wird unter anderem von folgenden Gedanken beeinflusst: Suche nach einem ursprünglichen Geschmack natürlicher Weine, Respekt vor der Natur und Opposition zu industriellen Methoden im Weinbau und der Weinherstellung, zurück zu den alten önologischen Verfahren, Protest gegen die zunehmende Anonymisierung durch die Technisierung des konventionellen, integrierten wie auch aus dem organisch-biologischen Anbau stammender Weine.

Daneben werden auch historische Methoden der Weinbereitung wiederbelebt (Beispiel: Quevri) oder önologische Verfahren außerhalb der Weinbautradition (Beispiel: Maischegärung beim Orange Wine) eingeführt.

Quelle: Wikipedia

Wenn wir uns bei weinfreaks.de in der Vergangenheit mit Naturweinen, auch Naturals genannt, ein wenig schwer getan haben, liegt dies nicht daran, dass für ihre Beurteilung besondere Kriterien gelten, die sich auf den ersten Blick scheinbar nicht mit einem konventionellen Weinverständnis vereinbaren lassen. Diesen Aspekt betrachten wir als untergeordnet. Vielmehr waren es primär handwerkliche Fehler, die uns zu teilweise heftigem Kopfschütteln zwangen.

Wir erinnern uns an lehrreiche Erfahrungen in der Vergangenheit, etwa mit dem sizilianischen Rotwein „Magma“ aus dem Jahr 2001, bei dem Winzer Frank Cornelissen auf jegliche Schwefelgabe verzichtete. Zweifellos handelte es sich um einen großen Wein, vielleicht einen der größten, den wir jemals getrunken haben. Leider aber wich die Freude bald der Ernüchterung, als nach dem Winter die Temperatur im Keller anstieg und die mikrobiologische Zeitbombe zündete. Was wir dann bei einer Nachverkostung nach nur wenigen Monaten im Glas vorfanden, ließ sich treffend mit der Aromatik und dem Mundgefühl von Schurwolle beschreiben.

Auch mit ungeschwefelten Weißweinen waren wir in der Vergangenheit selten glücklich, wirkten sie doch auf uns bereits im Jungweinstadium deutlich gealtert und geradezu gebrechlich. Ein Winzer von den Mosel gab einmal mit einem leichten Augenzwinkern zu, seinem Publikum auf die Frage, warum er Sulfite verwende, einen ungeschwefelten Riesling mit den Worten „Weil’s sonst so schmeckt“ zu präsentieren.

Uns scheint, als habe der weitgehend irrationale Wunsch vieler Konsumenten nach ungeschwefelten Weinen zu mancherlei Missverständnis geführt. Denn grundsätzlich enthält jeder Wein schon auf natürlichem Wege Sulfite. Schwefelfreie Weine gibt es also gar nicht. Es kann folglich nicht um die Frage gehen, ob Schwefel im Wein enthalten sein soll oder nicht, sondern höchstens darum, wieviel davon hinzugebeben werden muss, um einen Wein für eine angemessene Zeit zu konservieren. Welche Zeitspanne jedoch als unangemessen gilt, ist Ansichtssache. Wir fragen uns allerdings, was ein Weinfreak, der in aller Regel die Entwicklung eines Weines über einen längeren Zeitraum verfolgen möchte, mit einem Produkt anfangen soll, das nur für sehr kurze Zeit haltbar ist. Hier sind unseres Erachtens die Weinmacher gefordert, eine Haltbarkeit von zumindestens einigen wenigen Jahren zu gewährleisten – Naturwein hin oder her.

Dass der im Wein gebundene Schwefel für Kopfschmerzen verantwortlich ist, gehört ins Reich der Legenden. Allergische Reaktionen gegen Schwefel sind äußerst selten, und wer zum Wein histaminreiche Speisen verzehrt, muss sich über die Wirkung nicht wundern, sollte diese aber nicht voreilig dem alkoholischen Getränk zuschreiben. Rein sachlich gibt es gegen den Schwefelzusatz nicht wirklich ein gewichtiges Argument. Ob ein Natural geschwefelt werden darf oder nicht, ist in der Naturweinszene durchaus umstritten.

Unterschieden werden muss in der Diskussion zwischen der Schwefelung des Mostes und der Sulfitgabe zwischen Gärung und Füllung. Eine Mostschwefelung setzt dem Wein deutlich weniger zu.

Mehr und mehr drängen in jüngster Zeit Naturweine auf den Markt, oft von Winzern, die hier neben ihrer konventionellen Produktpalette eine Nische sehen. Begleitend damit ist die Qualität von Naturweinen signifikant gestiegen. Dem Wunsch der Weintrinker nach möglichst ursprünglichen, unbehandelten (und möglichst nach den Prinzipien der Biodynamie erzeugten) Weinen folgend, handelt sich auch keineswegs mehr nur um eine Modeerscheinung. Auf dem ehemaligen Experimentierfeld haben sich Naturals inzwischen als ernst zu nehmende eigenständige Weinkategorie etabliert.

Naturweine bieten oft Geschmackserlebnisse weitab des Mainstreams, die von vielen Weinexperten mitunter nur aufgrund ihrer Individualität als fehlerhaft eingestuft werden. Dies ist insofern verwunderlich, als dass es für nahezu alle Weinfehler klare Begriffsdefinitionen und Normen gilt, die für alle Weinkategorien gleichermaßen gelten. Die subjektive und nicht objektivierbare Wahrnehmung vermeintlicher Weinfehler tritt jedoch bei Naturweinen gehäuft auf. Hier ist daher jeder Verkoster aufgefordert, seine persönlichen Geschmacksvorlieben hinten anzustellen und sich der enormen Vielfalt naturbelassener Weine zu öffnen. Es lohnt sich.